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yoga - retreat tag 1

Aktualisiert: 23. Dez 2018

- tagebuch, gespickt mit wissenswertem über wellness, ernährungsumstellung und meditation -

Am nächsten Morgen fühle ich mich nicht wirklich ganz frisch, aber diesen Effekt kenne ich bereits, ich nenne ihn meinen Wellness-Kater und weiß, dass er nur einen halben Tag dauern wird. Das Thermalwasser, das Saunieren bringen tiefgreifende Entgiftungsprozesse in Gang, die den Organismus arg fordern. Umso wichtiger ist es, im Wellnessurlaub nicht im angebotenen Essen zu schwelgen, sondern eine ganz bewusste Auswahl an Lebensmitteln zu treffen, die die Entgiftung unterstützt und den Körper mit großen Mengen basischer Nährstoffe versorgt. Das Reiter’s ist bekannt für sein unfassbar reichhaltiges Frühstücksangebot, das sich über drei Räume erstreckt – mein unangefochtener Favorit ist der Saft-Kubus: hier schnippel ich mir Ingwer, Karotten, Knollensellerie, Gurken und Äpfel in den Entsafter, fülle das Glas dann mit frisch gepresstem Grapefruit- und Orangensaft auf, und verfeinere diesen hochbasischen Frühstücksgenuß zu guter letzt mit Leinöl und giftgrüner Essenz aus Petersilie und Kresse. Das Ergebnis schmeckt weitaus fruchtiger, als es für Dich nun klingen mag. Es ist erstaunlich, wie viel gesundes Gemüse man geschmacklich hinter einer Orange und einem Apfel verstecken kann. Im Laufe meines ausgedehnten Frühstücks vernichte ich einen ganzen Liter dieses Hochgenusses und bin selbst verblüfft, wie viel Gemüse ich mir in dieser Darreichungsform einverleiben kann. Dazu schnabuliere ich langsam und ganz bewusst kauend und schmeckend einen Teller voll Radieschen, Paprika, Gurkenscheiben und Kresse, dazu nur ganz wenig erstklassigen Käse und eine Scheibe glutenfreies Vollwertbrot. Wer so gefrühstückt hat, kann sich anschließend schadlos seinen Lastern ergeben, so schmeckt mir mein abschließender doppelter Espresso zu meiner Selbstgewuzelten extra gut.


Obwohl ich eine gute Stunde lang genüsslich vor mich hin geschlemmt habe, fühle ich mich nicht übervoll, und bereit, ein bisschen leichten Sport zu treiben. Ich schwimme 20 Minuten meine Längen im Thermalwasser, dann suche ich mein Kaminplätzchen auf und schlafe meinen Wellnesskater aus. Als ich eine Stunde später erwache, scheint mein Körper sich auf meine Kur eingestellt zu haben, und ich fühle mich fit und frisch. Bereit, mich wieder in die Sauna zu wagen. Hier begegne ich der zuckersüßen Bademeisterin, die ich von meinen früheren Aufenthalten kenne und längst ins Herz geschlossen habe. Wir plaudern und witzeln ein wenig, und sie lädt mich ein, zum Spezialaufguß am frühen Abend zu kommen. Den werde ich mir bestimmt nicht entgehen lassen.


Im Wechsel zwischen Solegrotte (meine nikotingeplagten Bronchien entspannen und öffnen sich merklich), Thermalwasser, Saunagängen und Spaziergängen barfuß durch den Schnee vergeht der Tag wie im Flug, und ich kann kaum mehr verstehen, wie ich einmal befürchten konnte, alleine zu urlauben könnte mich langweilen. Das Gegenteil ist der Fall: wenn ich alleine reise, fällt es mir so leicht, meinen eigenen Rhythmus zu erspüren, meinen Impulsen und Neigungen zu folgen, und nie war mir kurzweiliger als auf meinen Solo-Retreats. Am frühen Abend, und 17°°, beginnt das Yoga-Programm, und wir versammeln uns im Bewegungsraum im obersten Stockwerk der Pagode. Umgeben von Panoramafenstern und in ruhiger, sehr stilvoller Atmosphäre eröffnet unser Trainer den Workshop für uns zwölf Teilnehmer. Ich bin froh und erleichtert, dass wir keine langwierige Vorstellungsrunde absolvieren müsse, denn solch erzwungene Seelenstriptease-Aktionen liegen mir wenig. Der Trainer ist charismatisch und humorvoll, und verzichtet auf das obligatorische Räucherstäbchen, das ich noch nie gut mit der tiefen Yogaatmung vereinbaren konnte. Überhaupt gehen wir das Yoga von seiner physischen Seite her an, und der so oft überbetonte esoterische Ballast der Thematik bleibt uns erspart. Wie erfrischend!


Seit ein paar Monaten mache ich regelmäßig beim Yoga im Fitness-Studio mit. Wie in Studios eben üblich, ist es dort mehr ein Mitmach-Yoga: Die Trainerin turnt vor, und wir machen eben mit, jeder so gut er kann. Hier läuft es ganz anders ab. Wir bauen die Asanas sehr präzise auf, erspüren die Wirkung kleinster Handdrehungen auf die ganze Körperhaltung, setzen uns mit Atmung, Fußstellung, rückenschonendem Bücken auseinander – wir leisten echte Qualitätsarbeit von der Basis bis in die Fingerspitzen. Ich bin hocherfreut – genau das ist es, was mir in meiner Fitness-Yoga-Praxis bisher gefehlt hat. Drehe die Handflächen nach oben, dann öffnet sich der ganze Schultergürtel, die Haltung wird aufrecht, die Atmung geht tief. Hebe die Zehenspitzen, dann senkt sich das Fußgewölbe Richtung Boden und Du hast einen festen, gut geerdeten Stand. Strecke den Rücken durch, auch und vor allem beim Herabbeugen, dann schonst Du Deine Bandscheiben und behältst langfristig einen starken gesunden Rücken. Das Yoga, das wir machen, ist nicht sehr fordernd. Aber sehr sehr ergonomisch, gesund und auf langfristige Haltungsverbesserung ausgerichtet. Die Gruppe ist bunt durchmischt, verschiedenste Alters- und Erfahrungslevels kommen hier zusammen, und trotzdem sind wir in unserem engagierten ernsten Interesse homogen. Keiner ist dabei, der sich profilieren möchte. Keiner, der die Gruppe durch Zuspätkommen und Verzögern ausbremst. Wir absolvieren unsere erste Zweistunden-Einheit gemeinsam und anschließend schreiten wir (man kann es nur Schreiten nennen, denn das Yoga hat uns so gut nach oben aufgerichtet, nach unten verwurzelt) zum kulinarischen Verwöhnprogramm. Obwohl ich neugierig auf die anderen Teilnehmer bin, habe ich nichts dagegen, alleine zu essen. So kann ich ganz bewusst jeden Bissen, jedes Aroma genießen, kann mich aufs sorgfältige Kauen konzentrieren und genau hinspüren, wann ich eigentlich genug habe, und muss mich nicht verführen lassen von der Vielfalt der angebotenen Genüsse. So zu essen, ist eine Wohltat für Körper und Seele. Ich nehme mir reichlich vom Salatbuffet, genieße eine hervorragende klare Suppe, und genehmige mir ein kleines Stück vom Hirschbraten. Ich bin längst kein großer Fleischesser mehr, zu Hause komme ich Wochen und Monate lang ohne aus – nur hier im Reiter’s, wo ich mich in Bezug auf Qualität und Tierwohl sicher fühle, erlaube ich mir dann und wann ein Stückchen, begleitet von viel basischem Gemüse und klarem Wasser.


Nach dem Mahl genieße ich meine leider immer noch obligatorische Zigarette an der Hotelbar. Es gibt Live-Klaviermusik, aber das Geklimper erscheint meinen Einaudi-verwöhnten Ohren all zu banal, und so ziehe ich mich bald in mein Zimmer zurück und lese noch ein bisschen, bevor ich herrlich entspannt und zufrieden einschlafe.

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